Erfahrungen aus über 20 Jahren Yang-/Yeung-Stil Tai Ji Quan

Nachdem ich über 20 Jahre im Yang-/Yeung-Stil Tai Ji Quan über die Linie von Yang Shou-Chung, dem ersten Sohn von Yang Cheng-Fu, unterwegs war und bei diversen Lehrern und Meistern lernen durfte, möchte ich hier einen Teil meiner Erfahrungen weitergeben. Mittlerweile, genauer: seit 2018, habe ich zwar das "Yang Tai Ji Quan" verlassen und bin nun Teil des Chen-Tai Ji Quan nach Chen Yu, aber insbesondere, da die verschiedenen "Yang-Stil" Richtungen, in denen ich unterwegs war, sehr unterschiedlich waren, lohnt es sich, hierüber mal zu berichten (wäre es alles gleich, könnte man sich das sparen). Denn von der Peking-Form über die hauptsächlichen Linien von Chu King-Hung, John Ding, Bob Boyd und zuletzt Yeung Ma-Lee / "Mary Yang" gibt es Unterschiede, die größer nicht sein könnten.

Und auch wenn ständig gesagt wird, alles würde den gleichen Prinzipien folgen, würde ich genau das bezweifeln - aus meiner Erfahrung heraus - denn z.B. die Interpretation und infolgedessen auch die Umsetzung der Prinzipien ist eben alleine schon unterschiedlich. Deswegen ist ein Vergleich gar nicht so uninteressant...

 

  

Fallback

On / An - Yang-/Yeung-Tai Ji Quan Form
(Daniel Roga - 2014)

 

Einige Vorbemerkungen zur Einsortierung

  • ich bin nicht mehr Teil des Yang Tai Ji Quan → seit 2018 bin ich im Chen-Tai Ji Quan nach Chen Yu und seit 2009 im Yi Quan unterwegs
  • insofern bin ich Diskussion über "Yang Tai Ji Quan" nicht mehr persönlich involviert
  • ich möchte hier auch niemanden verärgern, sondern einfach nur meine Erfahrungen und Erkenntnisse weiter geben / teilen, damit sie nicht verloren gehen (außerdem ist es ein Teil meiner persönlichen „Geschichte“ bzw. meines Weges und aber ein Teil der aktuellen Tai Ji Quan-Landschaft) – wen sie interessieren, der kann vielleicht daraus was mitnehmen
  • denn es ist auch wichtig, vergleichen zu können...
    • als Anfänger kann man gar nicht vergleichen
    • als jemand, der nur eine einzige Sache kennengelernt hat, auch nicht
    • und ich meine das gar nicht so hart wie es vielleicht klingt - jeder fängt ja mal an, also geht es auch jedem so am Anfang
    • allerdings "unpraktisch" daran: man muss halt alles glauben (oder auch nicht) und kann (noch) nichts selber nachprüfen oder vergleichen - und es ist ein absolutes Glücksspiel, wo man landet - unter anderem ja schlicht und ergreifend oft auch davon abhängig, was vor Ort verfügbar ist - und ob man die Sachen hinterfragen lernt

 

 

Stationen

 

Grobe Stationen meines Yang-Tai Ji Quan

  • Vorbemerkungen: ich möchte meine einzelnen Stationen hier eher kurz halten, da ich hier die "Namen" (aus der Yang-Traditionslinie nach Yang Shou-Chung) gesammelt besprechen möchte
    • zu meinen einzelnen "Stationen" ist daher manches etwas detaillierter beschrieben bei „Über mich“ 
    • außerdem gibt es eine genauere Übersicht zu den genannten Namen aus der Traditionslinie nach Yang Shou-Chung hier: Yang-/Yeung-Familie - also gerne auch dort für den Überblick über u.a. den "Stammbaum" dieser Linie nachgucken (hier auf dieser Seite gibt es hingegen mehr zu "meinen Erfahrungen" damit...)
  • Station 1 - ca. 1996/97 bis 2005: hauptsächlich von Chu King-Hung (3. Meisterschüler von Yang Shou-Chung) geprägt
    • hauptsächlich in der Organisation von Chu King-Hung, später auch bei Volker Jung und Vera Leibold
  • Station 2 - 2005 bis 2007: in der Organisation von John Ding (1. Meisterschüler von Ip Tai-Tak) gewesen
    • hauptsächlich bei John Ding selber in Seminaren, anfangs auch bei Joseph Smith, Mönchengladbach
  • Station 3 - 2007 bis 2012: bei Bob Boyd (2. Meisterschüler von Ip Tai-Tak) gelernt – „Snake-Style“ / Ip-Familien-Stil
    • hauptsächlich bei Bob Boyd selber in Seminaren, anfangs auch bei Sascha Krysztofiak, Siegburg
  • Station 4 - 2013 bis 2018: Yang-Familien-Stil nach Yeung Ma-Lee („Mary Yang“), mittlere Tochter von Yang Shou-Chung, betrieben
    • hauptsächlich in Seminaren mit Jim Uglow, London, und ein wenig bei Michael Wille, Hannover
  • Anmerkungen:
    • John Ding und Bob Boyd habe ich persönlich gekannt
    • Chu King-Hung und Yeung Ma-Lee habe ich nie persönlich kennengelernt
    • wie man übrigens sehen kann, war ich auch nie direkt in der Linie von Chu Gin-Soon unterwegs... allerdings habe ich indirekt immer sehr viel mitbekommen aus der Chu Gin-Soon-Seite, da etliche Lehrer / Meister u.a. bei Chu Gin-Soon waren, bevor sie bei Ip Tai-Tak und vor allem Yeung Ma-Lee "gelandet" sind:
      • Jim Uglow hat bei Chu King-Hung und auch Chu Gin-Soon gelernt, bevor er 1997 Schüler von Yeung Ma-Lee wurde
      • John Conroy, 1. Meisterschüler von Chu Gin-Soon, lernt mittlerweile bei Yeung Ma-Lee
      • Stephan Hagen, "Special Student" von Chu Gin-Soon, lernt mittlerweile bei Yeung Ma-Lee
      • John Ding hat bei Chu King-Hung und Chu Gin-Soon gelernt, bevor er 1. Meisterschüler von Ip Tai-Tak wurde
      • Bob Boyd war 17 Jahre lang in der Chu Gin-Soon-Linie (bei John Conroy), bevor er 2. Meisterschüler von Ip Tai-Tak wurde

 

Station 1 - Hauptsächlich geprägt von Chu King-Hung (1996/97-2005)

  • vorher ("Station 0") relativ kurz betrieben: 24er Peking-Form per Buch und Video
    • im Vergleich zur tatsächlichen "Station 1" war das natürlich komplett ohne jeden Inhalt (Vorstellungen, Ideen, Prinzipien, ...)
  • erstmalig hier die lange drei-teilige Form "des Yang-Stils" gelernt
  • von den sechs Vertiefungsstufen (Yin-Yang-Form, Armspirale/"Chi-Form", Zentrum/Zentrumsbewegungen, Beinspirale, Hals-Spirale, Innerer Atem) habe ich vor allem die ersten drei gelernt - und einen Einblick bekommen in die letzten drei
  • von den sechs verbindenden Yin-Yang-Prinzipien (Drei Yin – Drei Yang (Yin/Yang in den Richtungen), Gewichtsverlagerung, Ferse – Zehe, Yin/Yang in den Knien, Yin/Yang in den Händen, Yin/Verteidigung – Yang/Angriff) habe ich intensiv nur das erste mitbekommen - und von den anderen eine gewisse Idee bekommen

 

Station 2 - Geprägt von John Ding (2005-2007)

  • im Vergleich zu Station 1: meiner Wahrnehmung nach insgesamt
    • entspannter
    • "gesunkener"
    • geerdeter
  • soweit ich das in Erinnerung habe, hat John Ding vier Kernthemen, die immer wiederkehren (neben den sonstigen Prinzipien):
    • Entspannen / "Sinken"
    • Zentrum / Zentrumsbewegungen ("Dan Tian")
    • Spiralen (insb. Armspiralen)
    • Einsatz von Yi / insb. verstanden als "project out"
  • meinem Verständnis nach hatte Yi (Vorstellungsarbeit) bei John Ding eigentlich mehrere Bedeutungen:
    • die eigene Mitte / das eigene Zentrum zu finden (auch eine Art von Yi)
    • zu „sinken“ ist auch eine Art von Yi
    • im Partnerkontakt in den anderen zu spüren, in das Zentrum des anderen zu spüren (um es dann „aus der Bahn werfen zu können“
    • und "rausprojizieren" / über den anderen hinaus / durch den anderen „hindurchzuprojizieren“ (project out) ist eine Art von "Yi-Einsatz"
  • u.a. die starke Betonung auf Entspannung und "Sinken", die feinfühlige Körperarbeit und sensitive Partnerübungen, und das Verständnis von "Yi"-Einsatz hatte mir damals eine deutlich stärkere Struktur und "Kraft" gegeben im Vergleich zu vorher
  • persönlich würde ich heute zu den "vier Kernthemen" sagen, ...
    • dass "Sinken" auch "Aufrichten" braucht (Yin und Yang) – und "Entspannen" braucht auch den Wechsel mit "Anspannung"
    • dass "Zentrumsbewegegungen" alleine nicht ausreichen – es braucht auch Bewegung innerhalb des Rumpfes
    • dass Spiralen unbedingt und vor allem auch Gegen-Spiralen brauchen (ein Prinzip von Kraft ist, dass es immer das Gegenteil von allem braucht)
    • dass "Yi" (Vorstellungskraft) am besten beschrieben ist durch "so tun als ob" – und, salopp gesagt, ganz viel "so tun als ob" alle Bewegungen führt (und überhaupt erst Inhalt in alles reinbringt)

 

Station 3 - Geprägt von Bob Boyd - "Snake-Style" (2007-2012)

  • im Vergleich zu vorher: meiner Wahrnehmung nach insgesamt
    • beweglicher
    • Körperstruktur "verbundener"
    • Bewegungen vom Rumpf aus geführt
    • und der Rumpf selber viel beweglicher
  • mir tatsächlich erst durch die Zeit bei Bob Boyd klarer geworden bzw. teilweise auch neu verständlicher geworden:
    • wie wichtig Beweglichkeit ist → Bob Boyd hatte einige der Softening Exercises bei Yeung Ma-Lee gelernt und v.a. mit dem Aspekt auf Beweglichkeit unterrichtet
    • wie wie wichtig Körperstruktur ist → z.B. das richtige Setzen des Schulterblattes für eine gute Arm-Rumpf-Verbindung ist mir erst hier bewusst geworden
    • wie wichtig Bewegung aus dem Rumpf heraus ist (aus dem Körperkern) → sämtliche Bewegungen wurden hier aus dem Rumpf, eigentlich vor allem aus dem Brustkorb heraus angetrieben
      • dazu ist übrigens wiederum die Beweglichkeit des Rumpfes wichtig - die unter anderem auch in den Softening Exercises trainiert wird
    • dass es im "stillen Stehen" (Zhan Zhuang) im Yang-Familien Tai Ji Quan Bewegung im Inneren geben muss (→ außen still und innen still/bewegungslos ist nicht richtig)
  • Nebenbemerkung: John Ding und Bob Boyd sind beide Meisterschüler (eng. disciple) von Ip Tai-Tak - und als jemand, der erst bei John Ding und dann bei Bob Boyd trainiert hat, war auch interessant zu sehen, dass wiederum die Sachen, die von Ip Tai-Tak kommen sollen, wiederum unterschiedlich sind bei John und Bob Boyd...

 

Station 4 - Yang-Familien-Tai Ji Quan nach Yeung Ma-Lee / "Mary Yang" (2013-2018)

  • im Vergleich zu vorher und wieder aus meiner Wahrnehmung heraus:
    • sehr, sehr, seeehr viel mehr an Instruktionen und Details als je zuvor
    • sehr viel "Vorstellungsarbeit" (Yi)
      • Yeung Ma-Lee: "Der Kopf muss qualmen!"
      • eigentlich von der Intensität und Betonung her sehr mit dem Yi Quan vergleichbar
    • insgesamt von den Bewegungen her sehr "lebendig" und beweglich → aus heutiger Sicht würde ich immer noch sagen "das ist Tai Chi Chuan, wie es sein sollte"
    • wieder mehr Beinarbeit als beim "Snake-Style" - und insgesamt ist jetzt (wieder) der ganze Körper involviert (eine Schlange hatte ja keine Arme und Beine...)
    • interessante und für mich damals neue Aspekte in Bezug auf die grundlegende Bewegungsmechanik (z.B. dass man sich immer in Gegensätzen bewegt)
  • weitere "Sprüche", die mir sehr geholfen haben damals und in guter Erinnerung geblieben sind (alle möglichen Fehler sind alleine mein Verschulden):
    • "wait for the signal" → auf "das Signal" im Körper warten
    • "Yin/Yang heißt, Konflikte produzieren" → ein deutlicher Hinweis auf Bewegungen und Gegen-Bewegungen (sowie Kräfte und Gegen-Kräfte)
  •  "Geschichte": Mir wurde vorher (bevor ich im Tai Ji Quan nach Yeung Ma-Lee gelandet bin) immer gesagt: "die Töchter von Yeung Sau-Chung haben das Familien-Tai Ji Quan nicht lernen dürfen" (→ Yeung Ma-Lee ist die mittlere Tochter von Yeung Sau-Chung)
    • allerdings ist das die Version, die innerhalb der Linien der drei Meisterschüler von Yeung Sau-Chung erzählt wurde - also in den Linien von Chu King-Hung, Chu Gin-Soon (USA) und Ip Tai-Tak (Hongkong)
    • und nach allem, was ich in meiner Zeit im Yeung-Familien-Tai Ji Quan nach Yeung Ma-Lee gelernt habe - durch die schiere Fülle an Instruktionen, die alles was ich vorher gelernt hatte bei weitem übersteigt - habe ich, viel zu vorsichtig ausgedrückt, sehr große Zweifel an der Version dieser "Geschichte", die mir vorher erzählt wurde...

 

"Tiere" im Yang-Familien Tai Ji Quan

In der Linie von Yang Shou-Chung wird immer mal von "Tieren" gesprochen. Insbesondere bei John Ding und Bob Boyd kamen für mich auf einmal Unterscheidungen wie "Tiger-Stil", Schlangen-Stil, Kranich... hinzu.

  • Kranich – 鹤(鶴) Hè (kant. Hok)
  • Tiger – 虎 Hǔ (kant. Fu)
  • Schlange – 蛇 Shé / Yí (kant. Se/Ji)
  • Drache – 龙(龍) Lóng (kant. Lung)

Einige Zeit hatte ich die Vermutung, dass die drei Haupt-Tiere, Kranich, Tiger und Schlange, sozusagen auf die drei Meisterschüler von Yang Shou-Chung "aufgeteilt" wurden, so im Sinne von: Chu King-Hung hatte den Kranich-Stil "bekommen", Chu Gin-Soon den Tiger-Stil und Ip Tai-Tak den Schlangen-Stil. In der Richtung von Yeung Ma-Lee hat sich dann herausgestellt, dass die Tiere alle für bestimmte Aspekte und Qualitäten stehen - und alle integriert im Yang-Familien-Stil vorkommen (inkl. des Drachen).

 

Vergleichs-Video für einen kleinen Einblick:

(ganz grobe Inhaltsangabe des Videos:

  • Erster Teil: Video von 2004 - mein Tai Ji Quan war hauptsächlich von Chu King-Hung geprägt
  • Zweiter Teil: Video von 2006 - aus meiner Zeit bei John Ding
  • Dritter Teil: Video von 2009 - aus meiner Zeit beim "Snake-Style" von Bob Boyd
  • Vierter Teil: Video von 2015 - aus meiner Zeit in der Richtung von Yeung Ma-Lee / "Mary Yang")

 

(Für Vollbildwiedergabe kann das Video in einem eigenen Fenster geöffnet oder auch heruntergeladen werden!)

 

 

Kurzer Einschub: Wie sieht Tai Ji Quan aus? Wie "sollte" es aussehen?

  • Falls das vorherige Video angeguckt wurde, könnte man sich kurz einmal die Frage stellen: welche Variante hat am besten gefallen?
  • Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder andere vielleicht sogar die erste Variante (Video von 2004) vorziehen würde - oder insgesamt eine Tai Ji Quan-Ausführung als "richtig" bzw. "so sieht Tai Chi aus" bewerten würde, die möglichst entspannt, meditativ, gleichförmig usw. aussieht...
    • ... wenn das so wäre, könnte man sich mal fragen: Wie kommt man eigentlich darauf, wie "richtiges" oder "gutes" Tai Ji Quan aussehen sollte?
    • Als Anfänger kann man das eigentlich gar nicht richtig einschätzen bzw. man hat sein Wissen vermutlich aus den Medien (Zeitung, Fernsehen, Bücher...) - und das werfe ich niemandem vor, denn mir ging es als Anfänger ja gar nicht anders. ABER: das öffentliche Bild von Tai Ji Quan ist meistens: alles immer ganz entspannt, langsam, fließend, meditativ, Kopf leer / Gedanken kommen zur Ruhe...
    • ... und dieses Bild ist zum Teil richtig...
    • ... allerdings ist es sehr einseitig - und stark geprägt, von verändertem Tai Ji Quan - welches verkürzt, vereinfacht, und oft zu einem großen Teil von "Inhalt" (Prinzipien usw.) und von Kampfkunst-Anteilen befreit wurde
    • ... "gutes" Tai Ji Quan enthält diese Sachen noch - und dadurch ist es auch nicht nur entspannt, es ist auch "anstrengend", man muss sich konzentrieren und versucht Prinzipien umzusetzen bei der Ausübung usw. (der Kopf ist also auch nicht immer leer)...
  • Insofern lohnt es sich tatsächlich, sich einmal selbst zu hinterfragen, wie man zu der eigenen Vorstellung kommt, wie gutes Tai Ji Quan auszusehen habe...
  • Persönlich kann ich dazu anmerken, dass ich vermutlich ganz am Anfang (1996/97) das jetzige vierte Video von mir (von 2015) vielleicht nicht mal als "so oder so ähnlich sollte Tai Ji Quan aussehen" bewertet hätte - weil ich als Anfänger ein ganz anderes Bild davon hatte. - Aus heutiger Sicht, mit allem was ich seitdem dazugelernt habe, ergibt es sehr viel Sinn, dass das Yang-Familien-Tai Ji Quan so oder so ähnlich aussieht (und das gleiche gilt natürlich für das Chen Yu-Tai Ji Quan welches ich mittlerweile ausübe).
    • Weitere persönliche Anmerkung: der eine oder andere wird Video 4 vielleicht als zu wechselhaft / nicht gleichförmig genug empfinden (oder was auch immer sonst noch) - mir macht das allerdings nach all den Jahren sehr viel Sinn, dass Tai Ji Quan ja doch so "lebendig" und beweglich ist - die ganze Form "atmet" ja / ein ständiges Öffnen und Schließen im Wechsel, nach unten loslassen und wieder aufrichten usw.
    • Z.B. Im Jahr 2004 (Video 1) hätte ich das noch überhaupt nicht verstanden...

 

 Was nun? - Persönliche Empfehlungen

  • Der Titel sagt es ja schon - das sind jetzt persönliche Empfehlungen von mir, die an der Stelle nicht zu trennen sind von meinem "Weg" insgesamt, meinen Erfahrungen und meinen mittlerweile ausgeübten Stilen (ich bin ja nicht ganz ohne Grund letztlich beim Chen-Stil Tai Ji Quan nach Chen Yu und beim Yi Quan gelandet...). - Ich würde folgende drei grundsätzliche Situationen unterscheiden (und hier muss wohl jeder selbst in sich gehen und überlegen wo er/sie sich selbst am ehesten sieht):
    • Ausgangssituation 1: Ich möchte auf jeden Fall Yang-Tai Ji Quan weiterbetreiben / vertiefen usw. → Meine Empfehlung: dann auf jeden Fall die Sachen von Yeung Ma-Lee ("Mary Yang") angucken - hier ist die beste allgemeine Anlaufstelle: Yeung Ma Lee Student Association (YMLSA)
    • Ausgangssituation 2: Ich möchte auf jeden Fall Tai Ji Quan weiterbetreiben / vertiefen - der Stil ist mir dabei nicht so wichtig. → Meine Empfehlung: Chen-Stil Tai Ji Quan nach Chen Yu (welches ich mittlerweile betreibe) - eine direktere Verbindung in die Ursprünge und Ursprungsfamilie des Tai Ji Quan gibt es kaum. Neben den Infos dazu von mir auf dieser Website, hier noch mal die "Deutschland-Ansprechstelle": Chen-Stil Taijiquan Netzwerk Deutschland (CTND)
    • Ausgangssituation 3: Ich möchte auf jeden Fall Inhalte/Prinzipien usw. weiterbetreiben / vertiefen - es muss nicht unbedingt Tai Ji Quan sein. → Meine Empfehlung: Dann wäre tatsächlich Yi Quan (welches ich ja nunmal auch betreibe) mindestens eine Ergänzung, wenn nicht gar eine Alternative. (dazu gibt es viele Infos auf dieser Website)

 

Ein paar letzte Anmerkungen

  • Was immer gerne vergessen wird: Innen und Außen gehören zusammen → wir sollten alle ganz dringend aufhören, "Innen" und "Außen" ständig gegenüberzustellen und gegeneinander auszuspielen
  • Wenn "Yang Tai Ji Quan" so unterschiedlich aussehen kann, könnte man ja auf die Idee kommen, die Form sei nur ein „Container“...
    • Nun, Ja und Nein. Die "Form" ist etwas „Äußeres“ und in gewissem Sinne nicht so wichtig – Yi ist z.B. wichtiger – aber auf der anderen Seite folgt die Form auch dem Yi bzw. der „Funktion“ („form follows function“) und insofern ist die „Form“ auch ein Spiegelbild des „Innenlebens“.
    • Und Form und „Inhalt“ müssen auch zusammenpassen, im weitesten Sinne übereinstimmen.
    • Und nicht in jede Form passt jeder Inhalt bzw. nicht jeder Inhalt ist mit jeder „Form“ kompatibel: beispielsweise wenn man die Bewegungen aus einem beweglichen Rumpf heraus führen will, geht das nicht mit einer „Form“, bei der Rumpf gleichzeitig völlig unbewegt bleiben soll.
    • Insofern hat es auch "Bedeutung", wenn die Formen unterschiedlich aussehen → es ist nicht komplett beliebig, wie die Formen "aussehen", sondern auch Konsequenz der "Ideen" (Vorstellungen), die geübt werden.
  • um es wenigstens kurz zu erwähnen: auch etliche andere "Linien" im Yang Tai Ji Quan, die nicht über Yang Shou-Chung laufen, wie z.B. Yang Zhen-Duo und Yang Jun oder auch Cheng Man-Ching (ein Schüler von Yang Cheng-Fu), sind, nach allem was ich mitbekommen habe, sehr unterschiedlich zu dem, was Yeung Ma-Lee macht
  • und zur Yang Shou-Chung-Linie selbst noch eine Ergänzung: sei zweiter Meisterschüler Chu Gin-Soon (USA) soll auch noch kurz erwähnt werden - allerdings sind etliche Leute, die bei Chu Gin-Soon gelernt haben, später entweder zu Ip Tai-Tak (erster Meisterschüler von Yang Shou-Chung) oder zu Yeung Ma-Lee gegangen und haben weitergelernt:
    • John Ding hat bei Chu King-Hung und Chu Gin-Soon gelernt, bevor er erster Meisterschüler von Ip Tai-Tak wurde
    • Bob Boyd ("Snake Style") war 17 Jahre in der Chu Gin-Soon Linie unterwegs, bevor er zweiter Meisterschüler von Ip Tai-Tak wurde
    • John Conroy (USA) - u.a. der langjährige Mentor von Bob Boyd - ist der erste Meisterschüler von Chu Gin-Soon, und hat später angefangen, bei Yeung Ma-Lee zu lernen (Anm.: John Conroy habe ich nie persönlich kennengelernt - er ist hier nur der Vollständigkeit halber mit aufgelistet)
    • Jim Uglow hat v.a. bei Chu King-Hung, aber auch bei Chu Gin-Soon, gelernt, bevor er bei Yeung Ma-Lee angefangen hat zu lernen
    • ...
    • insofern - und auch durch ein paar weitere Leute - habe ich indirekt einiges mitbekommen von dem, was in der Chu Gin-Soon Linie unterrichtet wird - und auf der anderen Seite sind eben etliche Leute von Chu Gin-Soon weiter gegangen zu Ip Tai-Tak und Yeung Ma-Lee
  • in den letzten Jahren ploppen auch immer wieder neue (alte?), angeblich "originale" Yang-Tai Ji Quan-Varianten auf, die sich dann z.B. auf Yang Lu-Chan (den Begründer), Yang Ban-Hou, Yang Jian-Hou, Yang Shao-Hou, oder wen auch immer beziehen sollen...
    • weitere Namen, die ich immer wieder lese: Wang YongQuan, Tian ZhaoLin...
    • es soll Formen wie "Lao Liu Lu" ("sechs alte Formen") geben, die angeblich näher am "alten, originalen Yang Tai Chi Chuan" wären...
    • usw. usf.
    • ... aber nach allem, was ich erlebt habe, wäre ich zum einen generell sehr vorsichtig und skeptisch (es wird immer sehr viel behauptet) - und zum anderen finde ich nach wie vor die Inhalte vom Yeung Ma-Lee Tai Ji Quan so überzeugend - und eben auch so anders im Vergleich zu allem anderen - dass ich persönlich keinen Zweifel habe, dass die Yang-Familie ihre internen "Familien-Geheimnisse" wirklich sehr nah bei sich gehalten hat... und die Wahrscheinlichkeit, dass Leute außerhalb der Familie viel davon mitbekommen haben, sehr gering sein dürfte... erst Yeung Ma-Lee scheint das weiter als je zuvor nach außen geöffnet zu haben (deswegen, wie weiter oben schon ausgedrückt: wer Interesse am Ursprung des Yang-Tai Ji Quan hat, dem würde ich wärmstens empfehlen, sich in der Linie von Yeung Ma-Lee umzusehen... auch wenn ich persönlich es nicht mehr trainiere, schätze ich es als so wertvoll)

 

 

 

 

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